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Gentechnik-Kritikerin Dr. Angelika Hilbeck spricht bei Rapunzel Naturkost in Legau


Die renommierte Agrarökologin Angelika Hilbeck von der ETH Zürich kritisiert seit Jahren die Nichterfüllung der vielen Versprechungen der Gentechnik. Sie war am 23. Juni 2016 bei Rapunzel Naturkost in Legau zu einem Vortrag zu Gast.

Sie ist  eine der wenigen unabhängigen Forscherinnen, die ehrlich, kritisch und sehr verständlich die alten und neuen Verfahren der Gentechnik sowie ihre Auswirkungen erklären. Sie kämpft für eine unabhängige Risikoforschung, die diesen Namen auch verdient. Bio-Landwirtin Elisabeth Waizenegger und Eva Heusinger von Rapunzel Naturkost führten das Gespräch.
Frau Hilbeck, in welchen Ländern und bei welchen Pflanzen ist der Anbau von gentechnisch veränderten (GV) Pflanzen aktuell weit verbreitet?

Das hat sich nicht verändert. Hauptsächlich werden GV-Pflanzen in Nord- und Südamerika auf großen Flächen angebaut, in Indien Baumwolle und in Südafrika Mais. Anders ist das in China und Russland dort werden keine oder nur wenig GV-Pflanzen angebaut, auch nur Baumwolle.

Rein regulatorisch gibt es vor allem in Nord- und Südamerika keine Hindernisse. Dort könnte ja heute ein Paradies sein, wenn die Versprechungen der Gentechnik auch nur ansatzweise wahr geworden wären. Das wurde uns ja Anfang der 90er Jahre vollmundig versprochen. Top Erträge, einfachste Arbeit.

Aber Sie sehen, dass die Versprechungen nicht eingetroffen sind.
Dr. Angelika Hilbeck besuchte bei strömendem Regen Rapunzel - eine strikt gentechnikfreie Zone
Hat man in den Ländern Auswirkungen von GV-Pflanzen festgestellt?

Es findet in Amerika kaum unabhängige Forschung hinsichtlich der Auswirkungen auf das Ökosystem statt. Vor allem zur Resistenzentwicklung wird geforscht - aus ökonomischen Gründen. Eine andere Erklärung, warum in den USA kaum zu den wirklichen Auswirkungen geforscht wird, ist, dass sie bei allen Forschungsprojekten mit GV-Pflanzen die Forscher die Zustimmung der Industrie brauchen. Dennoch gibt es einige prominente Beispiele: der Monarchfalter ist so eines. Forscher konnten nachweisen, dass der in den USA einst weit verbreitete Schmetterling seit Einführung des GV-Mais sowohl unter der Ausmerzung seiner Hauptnahrungspflanze als auch unter den Bt-Toxinen leidet. Heute ist er eine bedrohte Art.
Eines Ihrer Ergebnisse war, dass durch das Bt-Toxin, das in gentechnisch verändertem Mais vorkommt, die Larven von Florfliegen und Marienkäfern geschädigt werden. Bt-Mais war aber schon zugelassen für den Anbau. Wie ist das möglich?

Keine Zulassung muss Schadensfreiheit garantieren. Die meisten Einführungen in der Agro-Gentechnik werden ja zuerst in den USA den Behörden vorgelegt. Dort müssen die Firmen ihre Behörden nur überzeugen, dass ihre Produkte sicher sind. Die Firmen tragen dann die Verantwortung. In Europa herrscht das Vorsorgeprinzip. Das heißt, die Behörden prüfen und lassen die Produkte zu, wenn sie meinen, das Produkt sei sicher genug. Dafür muss dann auch die Behörde gerade stehen.
 
So wurden in den USA bei den herbizidresistenten GV-Pflanzen (z.B. Roundup Ready Soja) gar keine Prüfungen hinsichtlich ökologischer Risiken gemacht, weil man die Herbizid-Anwendung im Zusammenhang mit GV-Pflanzen von einer Umweltbewertung ausschließt. Nur bei den Bt-Pflanzen wurde das Bt-Protein, außerhalb des Pflanzenkontextes als isolierte Substanz, die aus Mikroorganismen gewonnen wurde, rudimentär überprüft. Diese Tests folgen dann dem OECD-Standard für Pestizidprüfungen. Diese sind aber konzipiert für akut toxische Substanzen, die innerhalb von Sekunden bis Minuten wirken. Bt-Toxine wirken allerdings innerhalb von Stunden und Tagen und vor allem auch langfristig. Man machte einfachste Tests z.B. mit Marienkäfern im erwachsenen Stadium obwohl Bt-Toxine bekanntermaßen nur auf Insekten im Jugendstadium wirken oder mit ökologisch irrelevanten Arten wie einem Parasiten der Hausfliege.
Werden denn bei den Zulassungsverfahren keine Langzeiteffekte getestet?

Nein. Man wertet die Tests meist nach wenigen Tagen aus, die oftmals noch nicht einmal die gesamte Jugendphase der Insekten abdecken. Nur wenn man Effekte finden würde, die Grund zur Sorge geben - was immer das auch ist - dann könnte man weitere Tests verlangen. Da die meisten Protokolle nicht für Bt-Toxine entwickelt wurden, demzufolge auch kaum negative  Effekte beobachtet werden konnten, wurden auch nie weiterführende, langfristigere Tests verlangt.

Wieso konnten Sie dann Bt-Mais-Saatgut testen?

Ich bekam 1994 Bt-Mais Saatgut vor der Zulassung von – damals noch – Ciba-Geigy und es musste ein sogenanntes Secrecy-Agreement unterschrieben werden. In diesem stand, dass ich nur die Ergebnisse mit Zustimmung von Ciba-Geigy veröffentlichen dürfe. Natürlich waren sie zunächst mit der Veröffentlichung der kritischen Ergebnisse nicht einverstanden und gaben nur äußerst widerwillig nach etlichen Monaten Verzögerung ihre Einwilligung. Heute arbeiten wir nur mit GV Pflanzen, die schon lange im kommerziellen Anbau sind. An Material vor der Zulassung kommen wir und andere Wissenschaftler nicht, wenn wir nicht bereit sind, solche Knebelverträge zu unterschreiben.
Heißt das, dass eine unabhängige Forschung erst nach der Zulassung stattfinden kann?

Ja. Wir und alle anderen unabhängigen, kritischen Wissenschaftler können nur mit Material arbeiten, das schon zugelassen und auf dem Markt ist. Aus dem Grund kamen unsere Studien auch erst nach der Zulassung. Unabhängige Forschung vor der Zulassung gibt es nicht - das Material ist patentiert und damit Eigentum des Entwicklers, der entscheidet wer damit was machen darf. In den USA ist die Situation sogar so, dass sie auch nach der Zulassung dort keine unabhängigen Forschungen machen können. Denn dort unterschreiben sie beim Kauf von GV-Saatgut, dass sie das Material nur einmal verwenden, nicht tauschen, nicht beforschen, keinen Vergleichsanbau machen etc.
Wie steht es mit der Behauptung der Industrie, dass die Kleinbauern bessere Erträge durch GV-Pflanzen erwirtschaften können?

Dieses Argument ist unsinnig, denn sie wurden ja für eine industrialisierte, hochtechnisierte Landwirtschaft entwickelt. Ich bin öfter in Südafrika. Dort ist das Bt-Mais Saatgut 5-10 Mal so teuer als die traditionellen Sorten der Kleinbauern, also gerade für sie unbezahlbar.
Wo und wie landen diese (GV Pflanzen) hauptsächlich bei uns auf dem Teller?

Mais und Soja landen in der industriellen Nahrungsmittelproduktion direkt und in Futtermitteln indirekt auf unserem Teller. Zunehmend werden sie auch in Autotanks und zur regenerativen Energiegewinnung verwendet.
Die Behörden in den USA sind fein raus, denn die Verantwortung für die Gensaat liegt bei den Konzernen – Dr. Hilbeck nimmt kein Blatt vor den Mund
Gerade hat das US-Agrarministerium erstmals grünes Licht für einen Champignon und einen Mais gegeben, die mit der neuen Methode CRISPR/Cas hergestellt wurden. Beide Pflanzen benötigten keine Zulassung als Biotechnologie-Produkt, weil die molekularbiologischen Techniken rechtlich nicht als Gentechnik eingestuft werden. Wie ordnen Sie diese neuen Techniken ein?

Fakt ist, es werden Gene technisch manipuliert. Das ist Gentechnik im allerbesten Sinn des Wortes. Es ist ja auch patentierbar. Wenn es in der Natur vorkommt, ist es nicht patentierbar. Es gehört somit in die Regulierung und Zulassung, oder ist konsequenterweise von der Patentierung ausgeschlossen.
Was würde passieren, wenn Glyphosat und damit Round up keine Zulassung in Europa mehr bekäme? Wäre es möglich, dass damit Roundup-Ready-Soja in Europa nicht mehr als Futtermittel importiert werden kann?

Davon muss man ausgehen, denn die Rückstandsproblematik wurde nie angemessen berücksichtigt. Die Grenzwerte wurden ja einfach angehoben um sie passend zu machen für die Rückstände. Wird immer mehr Glyphosat gespritzt, landet immer mehr im Produkt, weil es sich in Körner und Früchte verlagert. Somit werden wir immer mehr davon zu uns nehmen. Es gibt ja kaum noch Menschen, die keine Glyphosat/Roundup Rückstände in ihrem Körper haben. Wenn es eine verbotene Substanz wäre, hätte man natürlich eine bessere Ausgangslage.
Aktuell ist ja auch die geplante Übernahme der Agrarsparte von Monsanto durch BASF und BAYER. Welche Auswirkungen hätte diese weitere Konzentration wohl auf die kleineren Züchter, Saatgutfirmen und Initiativen in Europa, die es hier noch gibt?

Damit eskaliert der Konzentrationsprozess weiter und es teilen sich nur noch wenige Konzerne den Markt. Für mich ist diese Machtkonzentration kritisch und führt zu Demokratiedefiziten. Sie werden too big to fail – zu groß um zu verlieren – und selbst Staaten können dieser nicht demokratisch legitimierten Machtfülle immer weniger entgegensetzen.
Die Mehrheit der Verbraucher in Deutschland wollen keine Gentechnik auf dem Teller. Welche Lösungen bleiben uns noch?

Die Frage lautet eigentlich: welches Landwirtschaftssystem wollen wir? Kleinräumige, diversifizierte, umweltgerechte, bäuerliche Landwirtschaft mit Fokus auf Nahrungsmittel, Direktvermarktung, lokale kurze Wertschöpfungskette. Oder industrielle Landwirtschaft mit dem Fokus auf Rohstoffgewinnung für lange, profitmaximierte exportorientierte Wertschöpfungsketten? Das heißt auch, dass wir uns als Gesellschaft verändern müssen. Und vor allem müssen wir innovative Wirtschaftssysteme entwickeln, die zur Ökologie unseres Planeten passen und aufhören, zu versuchen, die Ökologie des Planeten an das Wirtschaftssystem anzupassen. Da werden wir immer verlieren. Der Planet Erde schickt uns ja schon die Quittung. Sehen Sie nach draußen! (Sie deutet auf den seit Wochen andauernden Regen. Anm. der Red.) Wir müssen in Bewegung kommen!
Gentechnik-Expertin Hilbeck im Gespräch
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