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Montag, 22. Juni 2009 - 5. Laufetappe 
Von Kranepuhl nach Wittenberg





Hallo Miteinander,

heute ist Ruhetag und ich bin froh, dass ich den Tag gemütlich angehen lassen konnte. Seit einer Woche bin ich nun „auf Tour“, weg von zuhause. Wir stehen mit unserer „Karawane“ auf dem Campingplatz direkt an der Elbe gegenüber der Lutherstadt Wittenberg - mit schönem Blick vom Elbdamm auf die historische Altstadt mit dem markanten Turm der Schlosskirche, vor deren Tür wir gestern Abend die 10 Thesen für eine gentechnikfreie Zukunft auf eine Pinnwand genagelt haben.

Dieser Pausentag kommt mir und dem ganzen Tourteam sehr gelegen, um nach dem Stress der Vorbereitungen, des Aufbruchs aus Hof und Firma sowie der Auftaktveranstaltung in Berlin einmal zur Ruhe zu kommen. Diese Ruhe ist auch wichtig, um auf dieser Tour mit unserem neuen Zigeunerleben anzukommen, um zu reflektieren, wie es uns geht und worum es uns geht und um erste Erkenntnisse aus den ersten 5 Tagen organisatorisch fein zu justieren. Bereits jetzt ist erkennbar, dass nicht nur die Vorbereitungen, sondern auch die Tour selbst von den Erfahrungen des ersten Genfrei Gehen Marsches profitieren.

Gestern war der 5. Lauftag, von Kranepuhl bis Wittenberg haben wir rund 32 km zurückgelegt – plus „Bonusmeilen“ bei der Ankunft durch die Innenstadt von Wittenberg. Das ist für einige der Mitwanderer schon eine stolze Leistung. Nach einer durchregneten Nacht, die teilweise zu Hochwasser im Zelt und bei uns allen zu Beeinträchtigungen des kostbaren Nachtschlafs geführt hat, ging es morgenfrisch durch die leichte Hügellandschaft Brandenburgs. Auf dem Weg mussten wir mangels Alternativen ca. 2 km auf einer ansonsten wenig befahren Landstraße zurücklegen. Wir hatten das Pech, das die nahgelegene A 9 wegen eines Unfalls gesperrt war, was uns sehr viel Gegenverkehr bescherte. Solche Ereignisse machen den Reiz der Tour aus, es ist nicht alles planbar. Anschließend wurden wir gleich entschädigt mit einem wunderschönen Anstieg zur Burg Rabenstein, auf dem ich den ersten Akazienwald meines Lebens durchschreiten durfte. Es war ein echter Aprilwetter-Tag: Schirm auf, Schirm zu. Da kam der Kiosk in einer schönen Backstube mit offenem Holzbackofen zur Vormittagspause gerade richtig - life is a surprise! (Geheimtipp einer Lebenseinstellung - einfach mal versuchen. Dies setzt allerdings die Bereitschaft und Fähigkeit voraus, die Geschenke des Lebens unsortiert anzunehmen - die scheinbar unangenehmen und die erwünschten, angenehmen gehören immer zusammen!).

Mitwanderer Werner hat mir gestern Morgen noch einen Auszug aus Peter Handkes Buch „Die Abwesenheit“ (Suhrkamp, FFm1987) in die Hand gedrückt. Ich war so davon angetan, dass ich es nicht nur vorgelesen habe. Ich möchte den Auszug auch Euch, geschätzte LeserInnen, nicht vorenthalten:
„Die Vergnügungsreise ist zu Ende. Ab jetzt beginnt der Fußweg. Ab hier werden wir gehen, nicht fahren. In all den Fahrzeugen gibt es keinen Aufbruch, keine Ortsveränderung, kein Gefühl einer Ankunft. Im Fahren, auch wenn ich selber lenkte, kam ich nie so recht mit. Im Fahren war das, was mich erst ausmacht, nie dabei. Im Fahren werde ich beschränkt auf eine Rolle, die mir widerspricht: Im Auto auf die einer Hinterglasfigur, auf dem Rad die eines Lenkstangenhalters und Pedaltreters. Gehen. Die Erde treten. Freihändig bleiben (da fallen mir natürlich spontan die armen Nordic-Walker-LäuferInnen ein.) Ganz aus eigenem Schaukeln. Fahren und gefahren werden nur in der Not. An den Orten, zu denen ich gefahren wurde, bin ich nie gewesen. Nur durch das Gehen lässt sich etwas davon wiederholen. Nur im Gehen öffnen sich die Räume und tanzen die Zwischenräume! Nur im Gehen drehe ich mit den Äpfeln im Baum. Nur dem Gehenden wächst ein Haupt auf den Schultern …. Nur der Geher spürt einen Zug durch den Körper. Nur der Geher erfasst den hohen Baum im Ohr – die Stille! Nur der Geher holt sich ein und kommt zu sich. Nur was der Geher denkt, gilt. Wir werden gehen. Es will gegangen werden! Und ihr sollt nicht gehen wie die meisten, denen man ansieht, dass ihr Gehen nur notgedrungen und zufällig ist. Das Gehen ist das freieste Spiel. Auf jetzt. Weg hier. Der Segen des Ortes gilt nur für die Reise. Der Segen des Ortes ist ein Gehsegen. O mein unsterblicher Appetit auf das gehen, auf Zum-Ort-Hinaus-Gehen, auf das Ewig-So-Weiter-gehen!“ (S.115ff.)

Über eine Mittagsrast in Senst neben der kleinen Kirche näherten wir uns Wittenberg. Die von uns durchwanderten Dörfer in den östlichen Bundesländern haben ihren ganz eigenen Charakter, sehr beeindruckend für mich. Bis Wittenberg waren es dann doch noch einige Regenschauer und einige Kilometer. Transparente raus am Stadtanfang, um deutlich zu machen, dass wir eine Dafürstration sind. „Doch wo sind die Menschen?“ war die Frage vieler. Die meisten hielten sich wohl in den Autos auf. Um dem angekündigten Fernsehteam von RBB noch Zeit zu geben, drehten wir eine Runde durch die historische Altstadt. Schön, aber für 17.00 Uhr wie ausgestorben, was ist passiert?

Gegenüber vom Kirchenportal der Schlosskirche wurden wir dann sehr freundlich mit einem gemeinschaftlichen Verköstigungsstand vom Bio Cafe Klatschmohn, dem Bioladen Terra Verde und dem 1. Biorestaurant Sachsen-Anhalts, der „Alten Canzley“ empfangen. Einen großen Dank an alle!
So konnten wir erfrischt zum Anschlag der 10 Thesen für eine gentechnikfreie Zukunft vor der Kirchentür schreiten. Ein markanter Punkt dieser Tour von Berlin nach Brüssel!

Danach empfand ich es unter meiner Würde, mit dem Auto zum 4 km entfernten Campingplatz zu fahren. Wie hat eine Mitwanderin es treffend auf den Punkt gebracht: Politisch pilgern!

23.6.2009, Wittenberg
Joseph Wilhelm




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