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Donnerstag, 30. Juli 2009 - 38. Laufetappe Von Tervuren nach Brüssel
WOW
Angekommen! In Brüssel! Von Berlin! Rund 1000 KM in 38 Lauftagen! Da hat Dankbarkeit bei mir erste Priorität. Dankbar dafür, dass mich meine Füße soweit getragen haben. Und das ohne irgendwelche Probleme. Dankbar dafür, dass es auch sonst kein nennenswertes Problem auf dem ganzen Marsch gegeben hat. Weder für uns vom Organisationsteam noch für einen der Mitwanderer. Natürlich hatten einige Blasen oder Entzündungen an Gelenken oder Sehnen oder Muskeln. Aber beim Einmarsch in Brüssel waren alle dabei, die dabei sein wollten.
Heute ist der „Tag danach“. Ich sitze hier als letzter übriggebliebener auf dem Parkplatz neben dem großen Park mit dem Afrikanischen Museum in Tervuren. Da muss ich mich erst mal mit abfinden. Nicht mehr laufen, zumindest in diesem „höheren Auftrag, in dem wir unterwegs waren. Mein Körper, mein Geist, meine Seele wollen es noch nicht wahrhaben. Gibt es ein Leben nach Genfrei Gehen? Ich kann es mir noch nicht vorstellen, noch bin ich in einer anderen Realität. Runterkommen von diesem Trip, eine harte Herausforderung. Mir ist zum Heulen zumute. Wirken lassen. Eine Stunde, einen Tag, wie lange wird es dauern, bis ich ankomme? Und das, obwohl Laufen die Fortbewegungsart ist, bei der Körper und Seele gleichzeitig ankommen, nicht wie beim Fliegen.
All diese Abschiede seit gestern von all den Menschen, die mich kürzer oder länger oder auch die ganze Strecke begleitet haben, die sich mit mir als „Krieger des Lichts“ gefühlt haben. Deshalb musste ich heute Morgen den letzten Übriggebliebenen auch noch eine Geschichte aus Paulo Coelhos „Krieger des Lichts“ vorlesen, und nochmal mit meiner Tröte tröten, das rote Genfrei Gehen T-Shirt hatte ich eh wieder angezogen. Noch bin ich ja nicht zuhause. Wo ist eigentlich zuhause?
Auf jeden Fall weit ent-rückt. Ist zuhause nicht vielmehr dort, wo ich gerade bin. Auf so einer Tour lernt mensch, in sich zuhause zu sein. Und nicht mehr in der Sehnsucht nach Dingen und Menschen, die nicht da sind, wo ich bin. „Be here now” oder noch besser: „be where you are“. Diese Devise möchte ich mir in die Zeit nach Genfrei Gehen mitnehmen, falls es ein Leben danach gibt. Das lasse ich auf mich zu kommen, darüber brauche ich nicht nachzudenken, es wird kommen. Genau so wenig, wie ich die letzten 6 Wochen übers Wetter nachgedacht habe, denn das Wetter kommt sowie so. Und es kommt so wie es will.
Unter massiver Polizeibegleitung sind wir gestern Morgen, Donnerstag, von Tervuren aus Richtung Brüssel gestartet. Mit viel mehr Verstärkung als erwartet. Viele, die schon mal auf früheren Etappen dabei waren, sind noch einmal dazu gekommen, haben den Weg in die belgische und EU-Hauptstadt auf sich genommen. Oder auch manche zum ersten Mal, die uns auf der Schlussetappe noch Endspurtenergie geben wollten. So wie Phillppe Woitran von Lima. Oder Freund Peter-Hansen mit seinem selbstkomponierten Genfrei Gehen Lied.
Grandioser Aufbruch durch den großen Wald vor Brüssel. Eine letzte Gelegenheit für eine morgendliche Lauf-Meditation. Dann noch mehr Polizeibegleitung auf Fahrrädern, Motorrad und in Autos. Am Triumphbogen erwartet uns die Abordnung des Musikvereins Legau - die bringt uns in Schwung und erweckt Aufmerksamkeit der Passanten. Schnell sind wir am Schuhmannplatz zwischen EU-Parlament und Ratsgebäude. Schon beeindruckend, was da mit unser aller Steuergelder an Verwaltungsgebäuden geschaffen wurde. Wenn die Ergebnisse „Verwaltungsakte“ doch nur auch immer so wären.
Wir werden begrüßt von Hannes Lorenzen, der bereits seit 25 Jahren für die EU arbeitet. Fachlich präzise Aussagen macht er. Und Mut. Das was wir tun mit dem Marsch sei ein demokratischer Akt, wie sie die EU braucht. Bürger müssen Eigenverantwortung übernehmen und Präsenz zeigen. Bürgernähe von unten. Darum ging es ja auch, mit dem Marsch der schweigenden Mehrheit von rund 80%, welche Agrogentechnik ablehnt, eine Stimme zu verleihen. Eine Stimme, die im Chor so laut wird, dass sie auch in Brüssel gehört wird. Mit der symbolischen Übergabe der ersten bis jetzt gesammelten 35.000 Unterschriften an ihn ist uns das wohl gelungen. Zur eigentlichen formellen Übergabe im Herbst rechnen wir mit der doppelten oder dreifachen Menge, das hängt ganz von Dir ab. Es gibt keine Ausrede passiv zu sein. (voraussichtlicher Eingangsschluss für Unterschriftenlisten bei uns: 15.10.2009, Unterschriftenlisten lassen sich von unserer Webseite www.genfrei-gehen.de herunterladen).
Ermutigt von den Aussagen von Herrn Lorenz machen wir uns auf den Weitermarsch zum Place de la Monet in der Nähe des Groote Markt. Dort ist unser Endziel der Tour wie immer beim Bulli. Herrlich, dass wir diesen schönen Platz für Theater einfach so für uns haben können. Und die Polizisten, die uns begleiten, sind wirklich sehr entspannt und verlassen uns in Eigenverantwortung. Danke an die Brüsseler Polizei bzw. Bundespolizei.
Auf dem Platz angekommen, nehmen wir noch die allfälligen Ehrungen vor: für die Gruppe der 4 Dauerläufer (Maria Busemann, Armin Feldmann, Henry van Calker und Peter Hoffmann). Doch auch die 2. Kategorie ist lobenswert, hat diese Gruppe von 10 Menschen doch nur einige wenige Tage nicht mit dabei sein können. Danke für eure Unterstützung. Und dann vor allem auch Lob und Dank für das ganze Rapunzel Organisations-Team, welches die Anforderung, die kompletten 6 ½ Wochen nonstop ohne Unterbrechung mit auf Tour zu sein, bravourös gemeistert hat. An dieser Stelle spreche ich auch die spontane Einladung zu einem Rapunzel-Tag für alle GFG-WandererInnen aus im Herbst nach Legau. (Bekanntgabe des Termins rechtzeitig auf www.genfrei-gehen.de).
Mit uns angekommen in Brüssel ist das Pferdekutschenpaar Maria und Markus Schlegel samt Kutsche, Pferden und Hund. Sie waren bereits über 8.000 km durch ganz Europa unterwegs für eine gentechnikfreie Zukunft. Meine und unsere ganz große Anerkennung! Dann noch ein Grußwort von Marco Schlüter, dem Geschäftsführer des Brüsseler Büros der IFOAM. Das ist der Weltdachverband aller Bioanbauverbände, welcher sich massiv für Gentechnikfreiheit in Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung einsetzt. Einen großen Dank auch noch für die Unterstützung durch die Truppe von Demo-Drums, welche unseren Einmarsch lautstark unterstützt hat.
Zum Schluss dann noch ein paar Stücke der Musikkapelle. Hut ab vor eurem Einsatz, liebe Illerwinkler Musikanten. Eine hoch anerkennenswerte Leistung, dermaßen spontan sich für einen Tag auf den Weg nach Brüssel zu machen. (Abfahrt im Bus in Legau 2 Uhr Morgens, Rückfahrt ab Brüssel um 18 Uhr und Morgen wieder am Arbeitsplatz). Danke auch noch an dieser Stelle dem BGM Franz Abele und Gemeinderat Leonhard Natterer für euren Einsatz, der dieses Projekt möglich und finanzierbar gemacht hat.
Dass nach über 6 Wochen Dauerbelastung auch mal gefeiert werden muss, versteht sich von selbst. Dazu treffen wir uns zu guter letzt im Chez Leon, einem alten Brüsseler Traditionslokal in den bazarartigen Gassen um den Groote Markt. Dort lassen wir´s uns gut gehen und unser Trinkspruch „Genfrei Gehen“ klingt fast andauernd durchs Lokal. Als wir von hier um Punkt 23.00 Uhr auf den Groote Markt treten, wird uns noch ein letztes Abschiedsgeschenkt der Stadt Brüssel zuteil: eine wirklich fulminante Licht-Musik-Show, die das Rathaus für eine Viertelstunde in ein Phantasy-Schloss verwandelt.
Der harte Kern bekommt dann von unserem hochgeschätzten „Markierer“ Jörg noch eine nächtliche Stadtführung bis zum Place de Luxembourg. Diese schafft dann auch noch die letzten hartgesottenen LäuferInnen und Team-Mitglieder.
Danke allen, die die Genfrei Gehen Tour in irgendeiner Art und Weise unterstützt haben. Danke dem Leben. Danke.
Tervuren, Freitag, den 31.7.2009, 14.00 Uhr, Euer Joseph
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