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BIOPIONIERE IM INTERVIEW


Im Gespräch mit Georg Rieck von Klatschmohn


1976 Gründung des Bioladens Klatschmohn in Gießen, bis heute Biofachgeschäft

Anlässlich unseres 35. Geburtstags mache ich mich auf die Suche nach den ersten Bioläden. Von den damaligen Läden existieren heute nur noch wenige. Einige sind wie wir, zum Hersteller und/oder Großhändler geworden. Ein Bioladen der ersten Stunde ist der "Klatschmohn" in Gießen. Nach einem kurzen Telefonat sitze ich wenige Tage später mit Georg Rieck zusammen in seinem Laden und er nimmt mich mit auf eine spannende Reise in die Vergangenheit – zu den Anfängen der Naturkost-Branche.
Der Laden wurde ganz zu Beginn "quasi im Untergrund" geführt. Eine heute nicht mehr bekannte Gründerin hat den Laden 1976 eröffnet und später an eine Gruppe Studenten weitergegeben. Diese kehrten Deutschland den Rücken, um Bhagwan nach Indien zu folgen. Zum Glück fand sich eine Frauengruppe, die den Laden übernahm. Sie meldeten "Klatschmohn" 1979 offiziell als Gewerbe an. In den Anfangsjahren wurden vor allem alternative Büchern und Zeitschriften angeboten. Auch Wolle fand sich im Standard- Sortiment, die die Kooperative aus der Schweiz importierte. Stricken war in Gießen – damals mit der höchsten Studentenzahl pro Einwohner – eine politisch korrekte Aktion in den Vorlesungen.

Die ersten Lebensmittel kamen von RAPUNZEL und aus einigen Hippie-Kommunen im Umland. Tamari und Shoyu wurden in Bierflaschen, das Nussmus noch von Hand in Gläser abgefüllt. Auch Müsli und Getreide gab es nur lose. Natürlich gab es auch Werbung, die ebenso wie alle Etiketten handgemalt war. Zu dieser Zeit fuhr Joseph Wilhelm selbst alle Läden in Deutschland mit dem LKW an und übernachtete abwechselnd in Marburg oder Gießen.

Ab 1985 änderte sich dieses Bild. Georg und Petra Rieck stiegen mit in den Laden ein und investierten in das erste Kühlregal. So erweiterte sich das Angebot um frische Biomilch vom Rhein-Main-Verteilerdienst, Schafsmilch vom eigenen Hof und die erste Gemüselieferung durch Harald Koch. Auch das Sortiment von RAPUNZEL war inzwischen gewachsen, zum Beispiel mit den ersten Vollkornnudeln. Das verschaffte dem Laden 1986 den ersten kleinen Bioboom. Die Presse wurde zu diesem Zeitpunkt von einem einzigen Thema beherrscht: dem ersten großen Lebensmittelskandal. Ausschlaggebend war eine Pressemitteilung vom Regierungspräsidium Stuttgart, in der Eiernudeln einer bestimmten Marke, als "mikrobiell verdorben" aufgeführt wurden. Bis dahin waren Hartweizennudeln ohne Ei weitgehend unbekannt. Doch besorgt um ihre Gesundheit fanden dann neue Verbraucher den Weg in den "Klatschmohn". Einen weiteren Boom löste Tschernobyl aus. Georg erinnert sich: "Die Leute stürmten panisch in den Laden. Getreide aus der letzten Ernte war der absolute Verkaufsschlager."

Es dauerte nicht lange und der Laden musste auf Grund von Wachstum neue Räumlichkeiten suchen. "Als wir uns das erste Mal in den neuen Räumlichkeiten trafen, waren wir erschüttert. Wir fragten uns, wie wollen wir 100 Quadratmeter nur voll bekommen?", erzählt Georg. Das war dann doch nicht wirklich ein Problem. Heute hat der "Klatschmohn" mit rund 400 Quadratmetern seinen Platz in einem alten Möbelhaus mitten in Gießen gefunden. Zu seinen besonderen Stärken zählen die einladende Fleisch und Käsetheke, ein sehr gut sortierter Obst- und Gemüse-Bereich und ein großer Backwaren-Shop mit Stehimbiss. Man möchte es kaum glauben, aber der Laden platzt schon wieder aus allen Nähten. Georg zeigt mir den neuen Plan, der die Erweiterung um weitere 100 Quadratmeter vorsieht, ein Projekt, das er in Kürze realisieren wird. Zum Abschluss frage ich Georg noch nach seinen Wünschen für die Zukunft. Darauf antwortet er recht ernst: "Für den Laden selber wünsche ich mir, ihn in einigen Jahren in gute Hände weitergeben zu können. Für die Branche sehe ich die Herausforderung darin, dass Bio nicht platzt. Wir haben die Marke Bio mit einem unschätzbaren Wert aufgebaut und müssen jetzt aufpassen, dass wir den Ansprüchen und dem Versprechen auch weiterhin gerecht werden!"

Das Gespräch mit Georg Rieck führte Heike Kirsten, Marketingleiterin RAPUNZEL NATURKOST


www.klatschmohn-giessen.de



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