 |
|
 |
Interview mit Joachim Milz
„Nicht Kontrolleur, sondern Kommunikator“
Joachim Milz hat seit 1999 in Südamerika bereits sieben Hand in Hand-Inspektionen für RAPUNZEL Naturkost durchgeführt. Der gebürtige Deutsche betreibt selbst als landwirtschaftlicher Berater in Bolivien nachhaltige Landwirtschaft, baut Kakao, Kaffee, Bananen, Ananas, Pfeffer, Vanille und Orangen in einem Waldsystem an. Auf Fragen zu seiner Arbeit als Hand in Hand-Inspektor und zur Lebensmittelerzeugung, weiß er zum Teil unerwartete Antworten.
Frage: Wie sind Sie dazu gekommen, für Rapunzel als Hand in Hand-Inspektor tätig zu werden? Joachim Milz: 1987 war ich Entwicklungshelfer in Bolivien. In dieser Zeit war Rapunzel auf der Suche nach Bio-Kakao und über Bekannte kam der Kontakt mit Joseph Wilhelm zu Stande. Mein Ansatz, lokale Ökosysteme, soziale Erfordernisse und Bedürfnisse des Marktes zusammenzubringen, treffen sich mit dem Hand in Hand-Engagement von Rapunzel. Meine Arbeit für die bio-faire Idee sehe ich mehr als Kommunikator denn als Kontrolleur.
Wie lange dauert die Inspektion bei einem Hand in Hand-Partner normalerweise? Etwa fünf bis sieben Tage inklusive des Berichtes und der Reise. Manchmal ist man mehrere Tage zu den Projekten unterwegs, die Anbaugebiete liegen im Land, nur die Verarbeitungsstätten sind meist zentral erreichbar. Wenn es regnet, oder irgendwo gerade kein Sprit da ist, was in Südamerika schon mal passieren kann, dann dauert es eben länger.
Wie läuft die Überprüfung nach den Hand in Hand-Kriterien von Rapunzel in groben Zügen ab? Das Unternehmen meldet mich bei dem Partner vorab an, ich nehme Kontakt auf und treffe mich mit dem Management zu einem Planungsgespräch. Dabei sind Feldbesuche zu organisieren, Transporte zu klären, und ich versuche schon hier, nicht als Fair-trade-TÜV aufzutreten, sondern Vertrauen zu schaffen. Bei den Besuchen in den Anbaugebieten gebe ich den Bauern auch Ratschläge, vermittle bei Problemen. Natürlich informiere ich die Anbauer auch über Rapunzel und die Verbraucher der Produkte; zum Beispiel über die Ansprüche an die Hygiene landwirtschaftlicher Produkte in Deutschland. Am Ende der Inspektion gibt es eine Abschlusssitzung mit den Verantwortlichen, und dann formuliere ich den Bericht an Rapunzel.
Worauf legen Sie besonderen Wert bei Ihrer Arbeit? Die Checkliste mit den Kriterien dient mir als Anhaltspunkt, die individuellen Bedingungen gilt es zu beachten. Wo beispielsweise das nächste Krankenhaus mehrere Tage entfernt ist, bringt einem eine staatliche Krankenversicherung wenig. Wo kein Vertrauen in die Rentenversicherung da ist, zahlt man das Geld lieber aus, damit sich die Leute ein Häuschen bauen können. In den Fabriken kann es entscheidend sein, wie es mit dem Mutterschutz aussieht, ob keine schulpflichtigen Kinder beschäftigt werden. Bei Familienbetrieben auf dem Lande ist ganz normal, dass größere Kinder mithelfen. In meinem Bericht versuche ich den Kontext der Lage vor Ort zu beschreiben. Daraus ergeben sich noch ganz andere Blickwinkel. Ziel des Inspektion ist, möglichst viel Informationen zu bekommen. Mein Besuch wird nicht als Kontrolle aufgefasst, die Partner freuen sich darauf.
Was interessiert Sie persönlich am meisten? Mein Anreiz ist: Wie kann man dem Biogeschäft noch mehr Leben geben? Mich interessiert, ob in den Projekten qualitativ verbessert wird, bei den Lebensbedingungen und den Lebensmitteln. Das kann manchmal dauern. Dass ich hier Zugang zu Dingen bekomme, in die man normalerweise kein Einsicht hat, motiviert mich am stärksten. Ich spüre, ob etwas unter den Teppich gekehrt werden soll, oder ob Offenheit herrscht. Für mich ist eine der zentralen Fragen: Haben die Beschäftigten die Möglichkeit, sich zu organisieren? Bei meinen Ge-sprächen mit den Lohnarbeitern ist niemand von der Geschäftsleitung dabei.
Was ist für die Bauern in den sogenannten Dritte-Welt-Ländern besonders wichtig an der Hand in Hand-Arbeit von Rapunzel? Eine Abnahmesicherheit zu einem garantierten Preis und die langfristige Zusammenarbeit mit RAPUNZEL. Nur ein Beispiel: Als Ende der 80er-Jahre der Kakaopreis durch neue asiatische Anbieter extrem sank, konnten die Bauern von El Ceibo in Bolivien mit Rapunzel für Bio-Kakao einen Preis aushandeln, der dann das dreifache des damaligen Weltmarktniveaus hatte. Und das über mehrere Jahre. Und Rapunzel bekam so die Möglichkeit, die erste zertifizierte Bioschokolade anzubieten. Dies war dann Anreiz für weitere Kakaobauern, auf biologischen Anbau umzusteigen. Schön ist auch zu sehen, wenn Menschen im Amazonaswald einen Wert erkennen, weil sie aus dessen Erzeugnissen einen Wert schöpfen können. Dann wollen sie den Wald auch erhalten. Organisierte Kleinbauern können sich gegen die Waldzerstörung wehren, die von Rinderzüchtern oder Sojafarmen angestoßen wird.
Was tun Sie, wenn Kriterien an bio-fair nicht erfüllt sind? In sozialen Dingen gibt es meist keine besonderen Beanstandungen, wenn man die Situation vor Ort berücksichtigt. Die Bauern und Arbeiter in den Projekten sind in der Regel weit besser dran als der Durchschnitt. Wenn die Anforderungen eins zu eins von uns übertragen werden und nicht einzuhalten sind und so niemand eingestellt werden kann, hilft das den Menschen im Land und Rapunzel auch nicht. Bedarf an Beratung gibt es gelegentlich bei Qualität oder Hygiene. Die Sammler von Amazonasnüssen, in Deutschland nicht ganz korrekt „Paranüsse“ genannt, hatten mal Probleme mit Kakerlaken. Da musste etwas getan werden, was wirksam war und die Bio-Kriterien nicht beeinflusste.
Bekommen Sie vor Ort etwas mit von der Förderung durch den Hand in Hand-Fonds? Ja, und auch hier ist wichtig, dass die Beschäftigten die Möglichkeit haben, sich zu organisieren. Bei der Verarbeitung der Amazonasnüsse arbeiten vor allem Frauen. Ihnen war eine Kantine sehr wichtig, wo sie geschützt ihre Pausen machen können, wo man sich die Hände waschen kann. Das Gebäude steht mittlerweile durch Gelder aus dem Hand in Hand-Fonds. Nun muss noch eine Einrichtung her und ein Pächter gefunden werden. In den Ländern kann oft nur was passieren, wenn man am Fortschritt über viele Jahre dranbleibt.
Wissen die Bauern und Arbeiter in den Projekten Bescheid über Rapunzel? Es ist schon bekannt, dass Rapunzel einer der Abnehmer ist. Ich versuche immer, in einen Dialog zu kommen, wo ich nicht nur Informationen über die Bedingungen vor Ort sammle, sondern den Bauern auch erzähle, welche Ansprüche die Konsumenten in Europa haben. Damit die Arbeiter verstehen, dass die Forderungen nach Qualität und Hygiene kein böser Wille von Rapunzel sind, sondern übergeordnete Vorgaben. Die Organisationen hätten gern, dass Rapunzel ihnen noch mehr abnimmt.
zurück zur HAND IN HAND - Kontrolle
|
 |