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Warum ist Mineralöl in Lebensmitteln?


Hintergründe für die zunehmenden Funde von Stoffen wie MOSH und MOAH bei verschiedenen Tests
von Stephen Sven Hubbes
Lebensmitteltechnologe und Produktentwickler bei Rapunzel Naturkost


[Januar 2017] Mineralöle in Lebensmitteln sind keine neue Erscheinung, auch wenn darüber immer mehr in den Medien berichtet wird. Vielmehr können wir davon ausgehen, dass wir sie schon immer unbewusst mitverzehrt haben. Denn erst seit Kurzem ist es möglich, diese äußerst vielfältigen und komplexen Verbindungen in Lebensmitteln mit ausreichend niedriger Nachweisgrenze festzustellen.

Als führender Naturkosthersteller sind wir aufs Äußerste bemüht, Einträge entlang der gesamten Prozesskette so gering wie möglich zu halten. Realistisch sei jedoch an dieser Stelle gesagt, dass es um eine Senkung der Einträge geht. 100%ige Mineralölfreiheit ist in einer Gesellschaft mit dieser Vielfalt an mineralölbasierten Produkten derzeit utopisch.


Erst seit einiger Zeit sind verschiedene Stoffe aus Mineralöl wie MOSH und MOAH analytisch nachweisbar. Daher ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass wir sie schon lange Zeit aufnehmen. So komplex die unterschiedlichen Mineralöle und auch deren Nachweisverfahren sind, so komplex und vielfältig sind auch die Eintragswege in unserer durch und durch mineralölbasierten Gesellschaft.

Das beginnt bereits in der Landwirtschaft: Wenn beispielsweise der Gehölzverschnitt mit Motorsägen stattfindet, deren Kettenschmierung via der üblichen „Verbrauchsschmierung" durch Mineralöl stattfand. Ebenso kommen bewegte mechanische Teile von Landmaschinen in Frage, die der Schmierung bedürfen und welche beispielsweise bei der Ernte zu Übergängen führen können. Weitere mögliche Eintragswege sind unvollständig verbrannte fossile Kraftstoffe auf landwirtschaftlicher Ebene. Dies führt zu einer allgegenwärtig vorhandenen Grundbelastung an diesen Stoffen in der Nahrungskette.

Konventionell zugelassen: mineralölbasierte Zusätze


Der ubiquitäre Charakter von Mineralölbelastungen bekommt auch dadurch Form, dass mineralölbasierte Lebensmittel-Zusatzstoffe wie E905 (mikrokristallines Wachs) für Überzüge konventioneller Lebensmittel in unbegrenzter Menge (!) zugelassen sind (siehe www.zusatzstoffe-online.de). Ebenso sind Mineralöle in Form von Paraffinen in der Landwirtschaft ein erlaubtes Spritzmittel mit insektenabwehrender Wirkung.

In konventioneller Kosmetik findet sich Mineralöl als Salbengrundstoff in Form von Paraffinen und Vaselinen. Ein überaus beliebter Lippenpflegestift ist hierfür ein gutes Beispiel - und liest man dessen Stellungnahme dazu, dann drängt sich einem geradezu auf, dass man diesen sogar bedenkenlos essen könnte.

Richtige Balance finden für Verpackungen


Entlang der Prozesskette sind weitere Einträge möglich, zum Beispiel durch die Verwendung von polyethylen- (PE)- oder polypropylenhaltigen (PP) Verpackungsmaterialen bei Sackware (POSH). Wer aber glaubt, Naturmaterialien wie Jute und Sisal wären besser, der kann sich arg täuschen. Denn bei bestimmten Schritten in der Fasergewinnung kommen ebenfalls Mineralöle zum Einsatz. Diese Prozesse finden weit weg von den eigentlichen Lebensmittelherstellern statt - und sind derzeit schier nicht von diesen beeinflussbar.

Werden Produkte schließlich abgepackt, so ergeben sich ebenfalls bei Verpackungen aus PE und PP Eintragswege für POSH. Durch die Verwendung von Recyclingkartonanteilen können zudem weitere Mineralölbestandteile mit der Zeit in die Produkte migrieren. Abhilfe schafft hier die Verwendung von Primärfaserstoffen, die jedoch die deutlich schlechtere Umweltbilanz haben.

Aber auch hier zeigt der genauere Blick, dass eine echte Lösung noch in deutlicher Ferne scheint. Denn Umkartons, die aufgrund von Stabilitätskriterien Wellpappe enthalten, haben aktuell immer einen Recyclingfaseranteil und können ohne diesen derzeit nicht hergestellt werden. Die Verpackungsindustrie ist bereits dabei, migrationssichere Kartons zu entwickeln. Wir haben hier selbst intensiv nach möglichen Konzepten Ausschau gehalten. Aber aktuell gibt es hierzu nichts au f dem Markt. Wir glauben jedoch, dass sich bei dem Thema Recyclingverpackungen und der Migration von Mineralölen bar etwas ändert und zumindest verpackungsseitig nach und nach mehr Lösungen angeboten werden.

Glossar


 
  • MOSH (Mineral Oil Saturated Hydrocarbons): gesättigte Kohlenwasserstoffe aus Mineralöl, bestehen aus Paraffinen und Naphthenen
  • MOAH (Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons): Kohlenwasserstoffe aus Mineralöl. Die MOAH-Fraktion besteht aus einer komplexen Mischung aus überwiegend alkylierten aromatischen Kohlenwasserstoffen
  • POSH (Polyolefin Saturated Hydrocarbons): Gesättigte Kohlenwasserstoffe, die als Oligomere aus Polyolefinen (z.B. Polyethylen oder Polypropylen) und verwandten Produkten in Lebensmittel übergehen können

Maßnahmen bei Rapunzel zur Vermeidung bzw. Minimierung der Werte:
  

  • Sorgfältige Auswahl der Herkunft unserer Rohwaren
  • Überwachung der Prozesskette und wenn notwendig Optimierung
  • Prüfung des Verpackungsmaterials
  • die Verwendung mineralölfreier Druckfarben
  • analytisches Monitoring von MOSH / MOAH seit 2012
  • dadurch konnten wir schon viele Werte erfolgreich reduzieren
  • Beteiligung / Mitarbeit an einem Projekt bei der FEI (Forschungskreis der Ernährungsindustrie) zu diesem Thema

Zusammengefasst


MOSH, MOAH und POSH sind chemische Verbindungen, die im Mineralöl Vorkommen. In unserer mineralölbasierten Gesellschaft sind sie überall vorhanden. Mineralölbestandteile können durch Verpackungen (Recyclingkartons, Druckfarben, Säcke für Rohstoffe) in Lebensmittel gelangen. Entlang der Prozesskette sind jedoch viele Einträge möglich, zum Beispiel durch Schmierfette von Erntemaschinen oder in der Produktion. Ferner ist eine umweltbedingte Grundbelastung mit Mineralölkohlenwasserstoffen, z. B. durch Abgas von Benzinmotoren, Emissionen aus Energieversorgungs- und Industrieanlagen sowie Feinstaub asphaltierter Straßen möglich.
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