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„10 Milliarden“-Regisseur Valentin Thurn zu Besuch bei Rapunzel


„Bio sollte eine Allianz eingehen mit regional. Danach sehnt sich der Verbraucher eigentlich.“
Wie werden wir alle satt? Um diese Frage dreht sich „10 Milliarden“, der neue Film von Valentin Thurn nach "Taste the Waste". Fast 180 Besucher strömten am 23. Juni 2015 ins Rapunzel Kino in Legau/Allgäu, um den Film zu sehen und mit dem Regisseur darüber zu sprechen – ein Kinoabend mit vielen Impulsen und einer angeregten Diskussion rund um das Thema Welthunger. Prädikat „besonders wertvoll“!

Sogar eine Schulklasse des Marianum Buxheim (siehe Foto ganz oben) nahm den Weg für den Film und die Diskussion auf sich.

Auch wir kamen mit ihm ins Gespräch und teilen dieses in Interviewform hier:
Im Rapunzel Museum diskutierte Valentin Thurn nach dem Film
Ruhig und authentisch berichtete Valentin Thurn von den vielen Erkenntnissen rund um die Themen Nahrung und Anbau auf seiner Filmreise um die Welt.
Dein voriger Dokumentarfilm „Taste the Waste“ hat zu einer intensiven gesellschaftlichen Debatte zum Thema Lebensmittelverschwendung geführt. Hat sich etwas verändert?
 
Das Thema Lebensmittelverschwendung wurde zum politischen Thema – Frau Aigner machte es zur Chefsache. Ich wurde als Experte im zuständigen Bundestagsausschuss berufen, als das Thema diskutiert wurde. Da saßen Lobbyisten von Handel und Industrie und die haben sich auf eine Studie bezogen, die sagte, dass an 61% dieses Müllberges der Verbraucher schuld ist. Die Zahl stand vorher in keiner anderen Studie. Die Forscher hatten von Anfang an den Auftrag, den Müll, den die Landwirtschaft verursacht, außen vor zu lassen. So kann man natürlich keine Gesamtprozentzahl erstellen.
Nachbarländer kommen auf eine Zahl von circa 40% Verbraucheranteil - klar, das ist immer noch viel. Das wichtige aber ist – wenn man nach Lösungen sucht – , dass wir alle Akteure in der Produktionskette brauchen. Der Handel kann’s alleine nicht, der Verbraucher kann’s alleine nicht, da muss man gemeinsam wirken.
 
Und das ist torpediert worden. Es gab also eine Kampagne vom Bundesministerium für Verbraucher und Landwirtschaft, die nur auf den Verbraucher abzielte. Sie heißt  „Zu gut für die Tonne“.
Ich glaube, das ist ein falscher Ansatz. Der Handel hat eine ganz zentrale Bedeutung, er sitzt am Scharnier zwischen allen Akteuren, er sagt der Landwirtschaft, ihr müsst das kosmetisch perfekte Produkt abliefern - was ihr mit dem Rest macht, ist mir egal.
Das Problem Lebensmittelverschwendung ist viel komplexer und alle Akteure müssen zusammenwirken. Wenn ich bereit bin, krumme Gurken zu kaufen, muss ich sie auch im Supermarkt angeboten bekommen.
 
Valentin, wie hat sich die Beziehung der Menschen zu ihrem Essen in den letzten Jahren verändert?
 

In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Menschen, die wissen wollen, woher ihr Essen kommt, verdoppelt. 25% der Menschen sind das, laut der Gesellschaft für Konsumforschung. Das sind natürlich nicht alles Bio-Käufer, sonst hätten wir einen anderen Markt. Manche Verbraucher sind ja fast schizophren: mal Aldi, mal Bio. Aber sie sind ansprechbar und bereit, bessere Qualität zu bezahlen, wenn sie überzeugt sind. Das heißt aber auch, dass 75% immer noch nach Preis kaufen.
Du arbeitest in Deinen Film ja oft mit Positiv-Beispielen. Welche Akteure im Handel machen es besser?
 

Viele Einzelhändler fürchten sich davor, aber es gab ein paar, die gesagt haben: wir besorgen uns die „krummen Gurken“ und wir machen das zu geringeren Preisen. Zum Beispiel Ugly Foods in München, The Good Food in Köln oder Culinary Misfits in Berlin. Frankreich zum Beispiel ist da schon viel weiter, es gibt einen Zweitverwerter-Markt mit über 200 Filialen. In Deutschland wird einer von diesen vielen Kleinen mal groß werden. Welcher, das wird sich zeigen.

Welche Rolle kann die kleinbäuerliche Landwirtschaft in Zukunft spielen?
 

Landwirtschaftliche Familienbetriebe müssen wir stärken. Das heißt nicht, dass man keine Produkte importieren darf. Bei uns gibt es nun mal keine Ananas und Oliven. Aber das Rückgrat unserer Ernährung sollte regional sein. Viele Leute sind daran interessiert, finden aber das Angebot nicht, zum Beispiel in Berlin ist es schwierig.
Die Reste unserer bäuerlichen Landwirtschaft zu erhalten, das geht nur, wenn wir uns wirklich darum bemühen.
Was können Bio-Läden zusätzlich tun?
 

Es gibt ja auch im Bio-Sektor bedenkliche Tendenzen - Stichwort: Rezertifizierung von ausländischen Produkten. Gleichzeitig muss sich der deutsche Bio-Bauer teuren Zertifizierungsprozessen unterziehen.
In Moment gibt es viel Schmu beim Begriff „regional". „Rewe Regional“ zum Beispiel gibt als Herkunftsort Deutschland an – was ist das für ein Witz! Ich glaube, das wird irgendwann skandalisiert werden von der Presse.
Es ist gut, sich zu überlegen, was vertrete ich und wie gebe ich es dem Verbraucher weiter. Wenn man jedoch vor lauter Marktdruck die eigentliche Idee verliert, dann passieren Dinge, die letztendlich an der Glaubwürdigkeit nagen. Das EU-Bio-Siegel zum Beispiel sorgt dafür, dass wir im April Frühkartoffel aus Ägypten haben und die einheimischen Bauern ihre Kartoffeln wegschmeißen. Ich finde, bio sollte eine Allianz eingehen mit regional. Das pure regional ist ja witzlos, da habe ich nebenan einen Massentierhalter, aber das ist natürlich nicht Sinn der Sache. Regional sollte eine Chiffre für nachhaltig sein. Und Bio sollte eine Allianz eingehen mit regional. Danach sehnt sich der Verbraucher eigentlich.
Du hast mit anderen die Initiative „Taste of Heimat“ gegründet – was steht dahinter?
 

Mit dieser Initiative versuchen wir, den regionalen Gedanken zum Verbraucher zu tragen und unterstützen auch Direktvermarktungs-Initiativen. Das sind dann oft Zusammenschlüsse von kleinbäuerlichen Betrieben, die mal besser mal schlechter zusammenarbeiten - so was braucht Jahre, bis es richtig gut funktioniert.
Ich glaube, das ist auch kaufmännisch eine gute Entscheidung, weil man damit sein Profil schärfen kann. Ich bin nicht nur Bio, sondern habe dazu noch ein regionales Angebot und sorge dafür, dass Kleinbetriebe überleben können. Der Verbraucher muss natürlich bereit sein, den Preis zu bezahlen. Wenn ich eine vielfältige Kulturlandschaft will, ist das nun mal unterm Strich etwas teurer. Aber das ist auch eine Frage der Kommunikation. Viele Verbraucher sind bereit mehr zu zahlen, wenn sie wissen, dass die Kühe raus auf die Weide dürfen oder zumindest mit Gras und nicht mit Soja gefüttert werden.
Was lässt dich weitermachen trotz des wachsenden Welthungers und dazugehörigen Faktoren, die du ja auch in Deinem Film dokumentiert hast?
 

Die Verteilung funktioniert schon heute nicht. Da hat man natürlich auch nicht unbedingt das Zutrauen, dass das in 30 Jahren funktionieren soll. Es gibt positive und negative Tendenzen in verschiedenen Teilen dieser Welt. Ich glaube, es ist ein Privileg des Alters, dass ich da – obwohl ich mich schon so viel mit Katastrophen beschäftigt habe – nicht verzweifle. Ich lass es schon an mich heran, aber Verzweifeln bringt nichts. Wir sind so privilegiert, uns geht es so gut. Das muss man schätzen. Seit ich so viel reise, ist mir das noch klarer. Von den Kleinigkeiten, die man im Garten hat, bis hin zu den Mitmenschen – da kann man selbst viel Lebensqualität gewinnen. Manchmal liegt das Wertvolle doch sehr nah.
Ich weiß nicht, wo ich dieses Gefühl her hab, dass dieses „Zuviel“  an Dingen uns nicht glücklich macht, sondern dass man sich auf das konzentrieren sollte, was man in der Nähe hat – und es wertschätzt.
Wenn Menschen weniger Fleisch essen würden, stünde ein großer Teil von dem, was in Moment als Futtermittel gebraucht wird, für die Welternährung zur Verfügung, oder?
 

Wenn alle Veganer wären, wäre das Problem Welthunger auf Generationen hinaus gelöst. Es müsste dann zwar immer noch besser verteilt werden; das ist auch nicht so leicht. Aber die Menge wäre kein Problem mehr. Auch wenn einerseits die Vorstellung davon, dass sich alle Menschen vegan ernähren, nicht realistisch erscheint, so ist andererseits schon so vieles passiert.
Was mich allerdings skeptisch stimmt: Es gibt eine steigende Zahl von Vegetariern, aber der Fleischkonsum insgesamt nimmt nicht so stark ab. Das heißt, die anderen essen mehr Fleisch.
Wie können wir mehr Menschen für Vegetarismus und Veganismus gewinnen?
 

Wenn ich mir so was verordne, wie lange hält das schon? Verzicht ist immer schwierig. Aber wenn ich rausfinde, dass es mir einen Gewinn an Lebensqualität bietet, bin ich plötzlich zu vielem bereit. Mir hat die Beschäftigung mit dem Essen mehr Lebensqualität gegeben, ich hab auch plötzlich soziale Kontakte, die ich vorher nicht hatte mit Leuten, dich ich wertvoll finde. Das ist der Weg, eine positive Kraft zu finden, glaube ich.
Valentin Thurn, Regisseur von „Taste the Waste“, stellte seinen neuen Film „10 Milliarden“ im Juni 2015 im Rapunzel Kino in Legau vor.
Jedes Essen zählt!

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